• Verein
  • Vereinschronik

Vereinsgeschichte

Boccia – die italienische Variante des Boule-Spiels – bringen südeuropäische Zu- und Einwanderer bereits vor der Jahrhundertwende in das Deutsche Kaiserreich. Nach dem Ersten Weltkrieg, als italienische Spezialisten zum Bau von Straßen und Tunnels in das Deutsche Reich kommen, vermehrt sich ihr Nationalsport rasant. Die italienischen Zuwanderer bleiben meist in regionalen Gruppen unter sich. Oft sprechen sie nur den Dialekt ihrer Herkunftsregion und suchen wenig Kontakt mit Landsleuten aus anderen Regionen oder Einheimischen. Umso stärker wirkt aber ihr Zusammenhalt in regionalen Gruppen. Für viele der italienischen Männer gibt die Heirat mit einer deutschen Frau den Anstoß, sich hier niederzulassen. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs ziehen aber die meisten Italiener wegen ihrer Einberufung zum Militärdienst oder auch aus Furcht, der Krieg könne eine spätere Heimkehr verhindern, umgehend nach Italien zurück. Die Zahl ihrer im Deutschen Kaiserreich sinkt bis 1918 rasant ab. Nach Kriegsende mit dem Sturz der Monarchie erschwert die neue Reichsregierung die Zuwanderung neuer ausländischer Gastarbeiter.

Der Eisenbahnbau macht Offenburg zum Verkehrsknotenpunkt der Großherzoglich-Badischen Staatseisenbahn an der Eisenbahnstrecke Mannheim – Basel und zum attraktiven Standort für viele Industriebetriebe. Leder- und Tabakfabriken siedeln sich ebenso an wie Spinnereien und Webereien. Die im Jahre 1857 gegründete Spinnerei und Weberei AG in Offenburg versucht erstmal im Jahre 1898 ihren hervorgetretenen Arbeitskräftemangel mehr und mehr mit auswärtigem Personal von tirolisch-italienischen Arbeiterinnen herbeizuschaffen. Die Angeworbenen stammen zu diesem Zeitpunkt meist aus Nord-Italien und sind Kolonisten (= Siedler), die in Offenburg eine neue Wahlheimat finden. Sie werden vor allem für die Produktion und Herstellung von Garnen und Tuche (= konfektionierte Stücke von Stoffen) gebraucht, aber sind bei den Einheimischen eher unbeliebt.

In den kommenden Jahren arbeiten auch italienische Männer in der Spinnerei und Weberei. In der Kronenstraße entstehen für die Gastarbeiter große Wohnblöcke von der Geschäftsleitung der Spinnerei und Weberei. Unter der armseligen Habe der Bewohner dieser Arbeitersiedlung befinden sich in den meisten Fällen auch Boccia-Kugeln, mit denen sie sich im geselligen Spiel nach Feierabend und am Sonntag auf dem freien Gelände um das (ehemalige) Holz-Feuerwehrhaus auf der Kronenwiese ausgiebig beschäftigen. Schlachtrufe wie "Punto", "Volo" oder "Raffa" zeugen von ihrer italienischen Herkunft. Es sind unter ihnen wahre Meister, die selbst auf weite Distanz mit tödlicher Treffsicherheit eine „Caramella“ (= Bonbon) anbringen. Diesen Menschen verdanken wir heute die Entstehung des 1. Boccia-Club Offenburg. Die Vielzahl ihrer Namen fällt der Vergessenheit zum Opfer, aber einige leben in der Geschichte des Vereins und in dankbarer Erinnerung weiter. Unter ihnen, die wir nicht vergessen sollen, sind die Gründungsmitglieder Silvio Zorzi, Paul Tschann (Friseur), Peter Turri sen. sowie sein Sohn der Zementwarenfabrikant David Turri und der erste Vorstand aus dem Gründungsjahr des 1. Boccia-Club Offenburg – *Josef Sator.

* [Es muß irgendwann um den Anfang der 1900er Jahre gewesen sein, was sich einmal am ➠ Brunnen am Lindenplatz in Offenburg zugetragen hatte...]

  • 1. Boccia-Club Offenburg
    Kronenwiese
  • 1. Boccia-Club Offenburg
    Kronenwiese
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieg am 28. Juli 1914 nimmt vorläufig auch die Bocciaromantik in der Kinzigvorstadt ein Ende und wird von der Wucht des Krieges niedergeschmettert. Erst 15 Jahre später, als die große Arbeitslosigkeit ins deutsche Land bricht, erinnern sich Einige an den beliebten und in Vergessenheit geratenen Präzisionssport und schreiten im Jahre 1929 (der 11. Juli konnte bisher als überliefertes Gründungsdatum nicht eindeutig ermittelt werden) unmittelbar zur Gründung des 1. Boccia-Club e.V. Offenburg. Das Bild kurz nach der Vereinsgründung, mit der steigenden Arbeitslosigkeit, zeichnet auch die ernste Lage im neugegründeten Verein wieder, als in Erinnerung des Spiels der Italiener zunächst sogar mit Steinen zu werfen versucht wird, bis endlich ein alter Satz Boccia-Kugeln aufgetrieben wird. Rasch gewinnt das „Spiel mit den Kugeln“ auch Zugang zu den Offenburger Bürgern und hat zunehmend Freunde in allen Stadtteilen, welche bis zu diesem Zeitpunkt „nur“ neugierige Zuschauer auf der Kronenwiese sind. Im Jahre 1930 steht der allseits in Offenburg bekannte *Josef Sator dem Verein als Vorsitzender vor.

* Josef Sator wurde am 09. Februar (März) 1902 geboren und war ein typischer Kinzigvorstädtler. Als kleiner Lebenskünstler verdiente er sich sein Taschengeld mit Gitarrenspiel und Gesang. Mit 14 Jahren absolvierte er eine Schriftsetzerlehre beim Bühler Tageblatt und in einer Akzidenzdruckerei (= Gelegenheitsdruck) in Kehl. Nach Beendigung der Lehre trat er im Jahre 1920 in den Buchdruckerverband ein und arbeitete ab 1924 als Buchdrucker bei den Offenburger Zeitungsverlagen (ab 1936 Reiff/ab 1945 Offenburger Tageblatt). Josef Sator wohnte in jungen Jahren in den Arbeiter-Blocks bei der alten Spinnerei und verbrachte mehr Zeit auf der Kronenwiese und den umliegenden Boccia- und nahen Sport- und Fußplätzen (Stegermattsportplatz des Offenburger FV) als auf seinem Arbeitsplatz.

* [Josef Sator und seine vielseitige, aktive sportliche Betätigung schufen ihm die Unterlagen für seine 20-jährige Tätigkeit als Sportberichterstatter in der Tagespresse. Diese Beschäftigung brachten auch sein ➠ Pseudonym "Dorle" ein...]

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 tritt auch das Gleichschaltungsgesetz in Kraft. Der Begriff der nationalsozialistischen Terminologie hat zur Folge, daß alle Vereine, welche nicht der Wehrertüchtigung beitragen, verboten werden. Alle Vereine und Verbände sind fortan in den Dienst des nationalsozialistischen Gedankens unterstellt. Dieser Eingriff hat für die Organisationsstruktur der Sportvereine folgenschwere Auswirkungen und es beginnt eine Phase der Ungewissheit. Alle Sportvereine stehen nun unter der Verwaltung einer einzigen Parteigruppe. Als am 06. März 1933 um 6:34 Uhr am Morgen mit den Klängen des Horst-Wessel-Liedes zum ersten Mal die Hakenkreuzfahne über dem Offenburger Rathaus weht, kommt auch in unserer Stadt die Gleichschaltung zur Anwendung. Die Auswirkungen des Gleichschaltungsgesetzes belastet fortan das sportliche und gesellschaftliche Klima im Verein. Am *18. November 1933 trifft es auch den 1. Boccia-Club Offenburg. Kripobeamte des Landeskriminalpolizeiamtes Offenburg kommen auf den Boccia-Platz auf der Kronenwiese um ihre vollzugspolizeiliche Tätigkeit mit dem „Abtransportieren der Spielkugeln“ nachzugehen. Da der Sack für die Kugeln aber geschickt versteckt wird, müssen die Beamten die Kugeln mit den Händen forttragen.

* [18. November 1933: An dieser Stelle eine kurze Erklärung über die damaligen Geschehnisse und zur Auflösung des 1. Boccia-Club Offenburg: Aus der folgenden Überlieferung von Dr. Alfred Osthof (Schachvereinigung Offenburg) wurde der als "bürgerlich" bezeichnete Boccia-Club nicht wegen seiner politischen Gesinnung ein Opfer der Zeit des beginnenden Nationalsozialismus. Im Gasthaus „Krone“ trafen sich neben den Boccia-Spielern auch Mitglieder des damaligen Schachklubs, ebenso Vertreter eines Arbeiter-Turnvereines aus Offenburg (gemeint ist hier nicht der Turnverein von 1846). Dieser Arbeiter-Turnverein war als „Nest von Kommunisten“ bekannt und wurde von den Nationalsozialisten sofort aufgelöst. In diesem Zusammenhang traf es vermutlich auch den 1. Boccia-Club Offenburg.]

Kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieg erschweren zahlreiche Einberufungen zum Wehrdienst ein geordnetes Leben in der Stadt. Schon seit Wochen und mit geradezu präziser Genauigkeit um jeweils 7:00 Uhr am Morgen fliegen Jagdbomber vom Westen herkommend, die es besonders auf die zwei Kinzigbrücken abgesehen haben, ein. Zur Abwehr haben auf den Kinzigwiesen und am Kinzigdamm einige leichte Flakeinheiten (= Flugabwehr) Stellung bezogen. Am Abend des 15. Februar 1945 schlagen amerikanische Fliegerbomben durch zwei Jagdgeschwaderangriffe in unmittelbarer Nähe der Kinzigbrücke ein und zerstören Teile des Gasthauses "Krone" und deren angrenzenden Stallungen (u.a. auch Eisen-Moser, Gasthaus „Schwanen“, Bäckerei Hillenbrand).

Schon tagelang hat man in Offenburg auf den Einzug der alliierten Streitkräfte gewartet und die letzten Stunden haben noch teilweise heftigen Widerstand der Wehrmachttruppen der 19. Armee (AOK 19 = Armeeoberkommando 19) gesehen. Die Menschen hegen die Hoffnung, daß eher die Amerikaner die Stadt besetzen, denn sie hatten einen besseren Ruf als die Franzosen. Unter den Einwohnern überwiegt die Angst vor dem, was nun kommt und die Sorge um die Zukunft. Die NS-Propaganda hat bis zum Schluß die Bevölkerung zum Durchhalten aufgefordert. Beim Einmarsch der Franzosen erinnern sich viele an die Erfahrung vom 11. Januar 1923, als Offenburg rund eineinhalb Jahre (bis 18. August 1924) unter einer strengen französischen Besatzung leiden muß. Am Sonntag des 15. April 1945 – zwischen 3:00 Uhr und 4:00 Uhr nachmittags – marschieren Einheiten des 23. Französischen Kolonial-Infanterie-Regiments (Panzereinheit) von Norden herkommend kampflos in unserer Heimatstadt ein. Somit mehr als drei Wochen vor der endgültigen Kapitulation Deutschlands. Um 4:00 Uhr nachmittags übergibt Ratschreiber Hermann Isenmann die militärische und administrative Gewalt an die neuen Besetzer.

(Copyright 2019 - Sven Steppat)

Auf der nächsten Seite erfahren Sie alles über die Wiedergründung des ➠ 1. Boccia-Club Offenburg nach dem Zweiten Weltkrieg...